„Die Selbstsucht ist die Wurzel aller anderen Verderbheit.“
Es ist so eine Sache mit dem Beenden von Beziehungen. Der Zeitpunkt ist immer unpassend, die Erklärung des „Warums“ ebenso. Der geschmähte Partner tut so, als käme das Ende überraschend, alle Zeichen der seit Wochen heranziehenden Schlechtwetterfront ignorierend.
Als ich mit Marie in den Park ging, versuchte ich meine Nervosität ob der bevorstehenden Nachricht, meiner Nachricht an sie, so gut wie möglich zu überspielen. Zumindest solange wollte ich meine Pose wahren, bis wir unseren grünen „Salon“ erreicht hätten. Ich war mir nicht sicher, ob Marie tatsächlich so ahnlungslos war wie sie erschien; sie wirkte absolut unbeschwert und plauderte von diesen und jenen Belanglosigkeiten.
Kurz bevor wir den „Salon“ erreichten, überprüfte ich, ob alles wie geplant verlaufen würde: Keine Menschenseele in der Nähe würde die Worte, die ich an meine Noch-Freundin richtete, erlauschen können. Marie war bereits verstummt und blickte mich mit scheuen Augen fragend an. Die dunklen Wolken waren längst aufgezogen, regenschwanger. Ich setzte mich auf die versteckte Bank zwischen blühenden Hecken und suchte nach dem geeigneten Anfang meiner blutigen Rede, hatte ihn verloren, obwohl ich die ersten Worte mindestens 124 mal im Kopfkino abgespult hatte. „Was ist denn los?“ fragte Marie in die bleierne Stille hinein und ich fing an zu sprechen, ohne von ihr wirklich Notiz zu nehmen. Ob meine Worte weich oder hart, gut oder schlecht gewählt waren, weiß ich nicht mehr, es war mir vollkommen gleichgültig, ob ich sie verletzte, ich wollte nur klären, mich reinigen von der eigenen Qual des monatelangen Geheimnisses.
„Ich kann nicht mehr mit Dir zusammensein … Es war eine schöne und wichtige Zeit, die ich mit Dir hatte, aber ich liebe Dich nicht mehr … Ja, ich bin verliebt in eine andere, in H. … Aber das hat doch nichts mit Dir zu tun, ich weiß auch nicht, es ist mir einfach passiert … Es tut mir so leid, ich kann es aber nicht ändern, ist eben so … Das musst Du eben akzeptieren …
Es war das Gespräch, wie es schon unzählige Male von sich trennenden Paaren geführt worden ist, die Reihenfolge der Sätze variiert vielleicht, der Inhalt ist jedoch nahezu derselbe. Auch das Szenario der Gefühle ist dasselbe: Ungläubiges Staunen auf der anderen Seite, gefolgt von Schlucken, Schluchzen, Weinen, Flehen. Sinnlose Fragen zum „Warum tust Du mir das an“ mit zitternd-gebrochener Stimme , die zunehmend lauter, fast wütend wird. Und schließlich die bohrenden Fragen nach der Anderen.
Die Andere war für mich als Hirngespinst zu lebendig als Geliebte zu weit weg. Tatsächlich hatte ich mich verliebt, aber die Andere wusste nichts davon. Ich hatte versucht dagegen anzukämpfen, hatte Begegnungen mit ihr bewusst vermieden, bin ihr ausgewichen, wann immer es möglich war, hatte mich auf Marie konzentriert, fixiert, meine Liebe zu ihr eingeredet jede Nacht. Hatte ein halbes Jahr oder länger gegen meine Gefühle gehalten und konnte schlußendlich doch nichts anderes tun als zu kapitulieren. Ich konnte mit Marie nicht mehr zusammensein, konnte ihre Nähe nicht mehr ertragen, auch wenn ich die Andere vielleicht niemals haben sollte.
Plötzlich stand sie, die Andere, H. vor uns. Unheimlich aufgetaucht aus dem satten Grün des Dickichts, starrte sie mich an auf ihrem Fahrrad. Aus ihren Augen sprach Abscheu vor meinen bösen Worten. Da wusste ich: Niemals mehr würde ich eine Liebe erlangen, nicht die Neue und die Alte auch nicht mehr. Ich hatte die Liebe auf ewig verdorben, mein Herz vergiftet, ich hatte erkannt: Es gibt nur mich in meinem Weltenall.