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Berlin ist eine junge Kapitale und Hauptstadt der Kreativen, der Ideen, der Politik – und der Jugendlichen, die hier ein Leben ohne festen Wohnsitz führen. In keiner anderen deutschen Großstadt leben so viele Minderjährige zeitweilig auf der Straße. Sie sind von zu hause abgehauen, weil sie hoffen, damit ihrer persönlichen Hölle entkommen zu können.
Das ist arm, aber gar nicht sexy.
Es ist ein Leben außerhalb der Norm, das diese Teenager gezwungen sind zu leben. Gezwungen deshalb, weil selbst in einem sozialen Land wie Deutschland vieles hinter verschlossenen Türen möglich ist, woran wir noch nicht einmal in unseren schlimmsten Albträumen denken möchten. Ein Leben daheim kann für manchen jungen Menschen trotzdem ein Leben ohne Familie sein – gerade weil die Angehörigen ganz furchtbar physisch anwesend sind.
Wenn Gewalt, Trunkenheit oder sexueller Mißbrauch über Jahre hinweg traurige Bestandteile des kindlichen Alltags werden, und wenn keine Hilfe von außen kommt, wenn niemand sieht, sehen will oder sehen kann, was da passiert, dann gibt es mitunter nur die Flucht nach Irgendwo für dieses Kind, sobald es zum Jugendlichen herangereift und vermeintlich erwachsener, stärker ist.
In meinen nächsten Beiträgen will ich die Situation dieser „Jugend ohne Ziel“ genauer beleuchten, da die gesellschaftliche Verantwortung für diese Kinder und Jugendlichen weit über die Grenzen der eigenen Familie bzw. des eigenen sozialen Umfeldes hinausgehen sollte. In den Posts werde ich mich eher mit den Auswirkungen auf die Gesellschaft denn mit konkreten Fallbeispielen beschäftigen – schließlich werden uns insbesondere aufgrund der Berichterstattungen verschiedener privaten Fernsehanstalten genug „anschauliche“ Schauermärchen serviert, deren einziger Zweck darin besteht, Einschaltquoten mittels „Grusel-Ekel-Faktor“ zu generieren ohne jedoch den gesamten sozialen Kontext einzubeziehen.
Dieser Post ist im Vor-Rahmen des „Der Freitag“ Community-Blog-Launches verfasst worden und eben dort erschienen.
Kategorien: Kritik : Kritik
Mikrokosmos: Es gibt einige wenige Menschen, von denen man sagt, dass sie so reich seien, dass sie gar nicht wüßten, wohin mit dem Geld. Für diese mikroskopisch kleine Gruppe gebe es absolut nichts, was sie sich nicht leisten könne. Und wenn alles, wirklich alles schon in x-facher Ausführung vorhanden sei, dann frage sich der Mammon-Im-Überfluß-Besitzer, was er noch anschaffen könnte. Für den, der alles schon hat, gibt es einen würfelförmigen Uhrenbeweger (Anmerkung: Es handelt sich hierbei um eine Box, auf der eine Armbanduhr zu Ansicht befestigt werden kann, die sich dann vor dem Betrachter kreisförmig dreht), der aus purem Weißgold mit exakt 3.876 Diamanten besetzt, mit läppischen 400.000 € zu Buche schlägt.
Spiegelverkehrt: Es gibt einige viele Menschen, von denen man weiß, dass sie weniger als 1 $ zum täglichen Überleben zur Verfügung haben. Für diese makroskopisch große Gruppe gibt es absolut nichts, was sie sich wirklich leisten könnte. Und wenn alles, tatsächlich jeder Cent schon schon ausgegeben ist, dann fängt der Bitterarme wieder und wieder an, um das nackte Überleben zu kämpfen. Für den, der nichts hat, gibt es nur und wenn überhaupt unterbezahlte und gefährliche Arbeit, zum Beispiel schürft er Diamanten unter Einsatz des eigenen Lebens.
Rechenbeispiel: Ein Uhrenbeweger kostet 400.000 €, das entspricht in US Dollar einer Summe von 551.379,58 $. Unter der Annahme, dass die durchschnittliche Lebenserwartung eines Menschen in Sierra Leone bei 42,6 Jahren liegt und dass das Überleben mit nur 2 $ am Tag gesichert sei, ergibt sich folgende Rechnung:
551.379,58 $/(42,6*365*2+10*2) = 17 Menschenleben
Wer weiß nicht wohin mit seinem Geld? Wer?
Kategorien: Kritik : Kritik
Ergänzend zum letzten Kaptitel „That’s The American Way Of Life“ zwei dringende Empfehlungen aus den wilden nordamerikanischen Filmweiten (vergleiche auch und ganz im Sinne von Movie Culture).
Burn After Reading. Selbstironie ist immer ein Garant für herrlich komische Film-Szenen. Wenn die hohe Kunst über sich selbst lachen zu können von allen 5 Hauptdarstellern so brillant beherrscht wird, wie in dem neuesten Possenstück der Coen Brothers, ist wild amüsiertes Kichern unvermeidbar. Zudem gilt: Dummheit schmerzt – die Bauchlachmuskeln bestätigen diese Theorie wieder einmal.
Into The Wild für Aussteiger. Landschaftlich wild, leidenschaftlich einsam. Bildgewaltig, gefühlsbetont, nachdenklich stimmend und nachhaltig wirksam. Macht fernweh- und reisesehnsüchtig.
Kategorien: Amerika · Film · Kritik : Kritik · Projekt
Wissen ist Macht. Sage mir was Du weißt, und ich sage Dir wer Du bist. Ich weiß, dass ich nichts weiß. Das große Spiel des Wissens. Wer hier nichts zu sagen hat, wer falsches Zeugnis redet, wem Unsinniges über die Lippen kommt, der hat eine Einundfünfzig-Komma-Einundfünfzig-Prozent Wahrscheinlichkeit, den Test über das wahre Deutschsein zu bestehen.
Gehen Sie nicht über Los, ziehen Sie nicht 4.000 Deutsche Mark ein. Begeben Sie sich direkt in das Gefängnis. Wenn Sie Kontakte zu terroristischen Vereinigungen haben, werden wir das mit unseren Fragen schon aus Ihnen herauskitzeln. Physische Folter ist out, Quiz ist in. Kommen wir nun zu der 500 Euro Frage. Deutschland hat Zweiundachtzigmillionen Einwohner. Ein Punkt auf der Skala Ausländer – Deutscher für Sie. Die 1.000 Euro Frage. Publikumsjoker gefällig? Gehen Sie auf die Straße und fragen Sie den ersten Passanten nach der richtigen Antwort. Was hat er gesagt der Fußgänger? Caspar David Friedrich malte auf der Insel Rügen die Mona Lisa vor untergehender Sonne? Sie haben einen gefälschten Bürger befragt. Die Frage wird zurückgestellt, es gibt 2 Minuspunkte. Wollen wir mal nicht so sein. Es gibt noch eine Bonusfrage, wenn Sie die richtig beantworten, bekommen Sie den roten Pass von mir und eine Schachtel F*** Küsschen obendrein. Interessiert? Nennen Sie einen deutschen Literaturnobelpreisträger!
Oh, Krass.
Richtig, Günther Grass. Tebrikler! Sie haben den Einbürgerungstest bestanden.
Kategorien: Humoreske · Kritik : Kritik
Bei einer Überwachung handelt es um eine gesteigerte Form des Bewusstmachens über externe Vorgänge oder Personen auf Beobachterseite, während das Zielobjekt nicht notwendigerweise um die detaillierte Verfolgung seiner selbst durch einen Dritten, den Beobachter, weiß.
Wach = Zustand der bewussten Aufnahme und Verarbeitung von Informationen.
Wachen = die auf ein Objekt gerichtete Aufmerksamkeit, meistens mit dem Zweck des Objektschutzes verbunden.
Über = Steigerung, Übertreibung. Der Zweck des Objektschutzes tritt in den Hintergrund, im Vordergrund stehen Selbstzweck und Machtstreben.
Überwachung = Maßnahme zur Kontrolle äußerer Vorgänge und Personen zum Zweck des Machterhalts.
Übermut tut selten gut. Übertreiben. Übersehen. Übermacht.
Es ist erstaunlich, wie die Auseinandersetzung mit unserer jungen deutschen Geschichte in diesen Tagen funktioniert. Wir sprechen von unseren vergangenen politischen Systemen, von Nationalsozialismus und sozialistischer Diktatur, als seien diese in einem fernen und fremden Land, in einer anderen Welt gewesen. Die Frage nach den Verursachern, den Verantwortlichen und den ausführenden Organen ist schnell geklärt, es gab einen Adolf und einen Josef und einen Walter und einen Erich und eine Handvoll Schergen auf jeder Seite und die haben geschaltet und gewaltet und nach Herzenslust überwacht und bestraft. Und da es damals noch kein Internet, keine Computer und Satelliten gab, nur wenige Kameras und Telefonapparate, wurden von Menschenohren gehörte Überwachungsprotokolle fein säuberlich mit Stift und Papier oder auf der Schreibmaschine von Menschenhänden verfasst.
Es ist erstaunlich, dass Überwachung heute schon wieder – elegant und klammheimlich und gefährlich – von uns hingenommen wird, dass wir zwar murren über neue Gesetze und auch mal demonstrieren gehen; aber durch die Straßen unserer Städte wandeln wir, von Kameras ins rechte Licht gerückt, auf den Straßen des World Wide Web surfen wir, von Protokollen und Datenspionen ständig unter Beobachtung gestellt, mit SMS und E-Mail teilen wir anderen versteckt öffentlich mit, was wir denken, fühlen, meinen, wissen und glauben zu wissen. Und es entlockt uns nur seltenst einen einzigen Gedanken darüber, wie nackt wir eigentlich dastehen, wir haben uns schon wieder daran gewöhnt, durchsichtbar zu sein. Wir glauben nach kurzer Zeit schon wieder dem Argument der Mächtigen, dass sie uns schützen wollen und müssen. Die vermeintliche Sicherheit lullt uns ein, wiegt uns in Dumpfsinn und lässt uns verstummend hinnehmen, dass wir eigentlich gar nicht wissen, was wer über uns weiß und wofür wer was über uns verwendet. Und die – unsere – Geschichte ist eine Geschichte mit einer Moral, die nicht mehr gesehen aber überwacht wird – heute in Deutschland, heute in der Welt.
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The majority of searches the FBI conducts aren’t on criminals but on normal everyday citizens, like someone applying for a job.
The Wall Street Journal, by Ben Worthen (Friday 7th, 2008)
Profilneurosen? Profildiagnosen! Die Bewerbung der Zukunft ist enorm zeitsparend, weil online und telefonisch im Hintergrund automatisch generiert. Der Lebenslauf spiegelt das Leben des Bewerbers perfekt wieder: Fertigkeiten und Spezialgebiete im Bereich illegale Tätigkeiten (Mord, Drogenhandel, Steuerhinterziehung), Erfahrungen mit der Arbeit in einem internationallen kriminellen Umfeld, Stand der fachlichen Kenntnisse zu den Themen „Terrorismus“ oder „Waffenvertrieb“ sowie praktische Nachweise und Arbeitsproben. Zu guter Letzt, der Criminal Intent Score (CIS) auf einer Skala von 1 bis 94, der die Stärke der kriminellen Energie ausdrückt: Bin ich geeignet? So ausgerüstet, sollte einer erfolgreichen Bewerbung als Selbstmordattentäter, Auftragsmörder oder Bankräuber nichts mehr im Wege stehen.
Beispiel gefällig?
Marie studiert Politikwissenschaft und schreibt eine Arbeit über die aktuelle politische Lage im Nahen Osten. Dafür recherchiert sie im Internet. Ihr Freund ist Iraner und aus diesem Grund lernt sie Farsi. Sie hat mehrfach gegen den Krieg im Irak demonstriert und engagiert sich auch aktuell gegen das Vergessen, das im Irak immer noch Krieg herrscht.
Welchen CIS Marie wohl erreicht?
Kategorien: Humoreske · Kritik : Kritik
So ist das in Deutschland: Wir haben uns intensiv mit unseren historischen Makeln beschäftigt und wissen jetzt nach einem Satz schon, wer national/sozialistisches Gedankengut in sich trägt. Ein Zitat reicht (spart Zeit und bringt ordentlich Quote – äh Ärger) und ich identifiziere den Nazi in Eva sofort. Da gibt es nichts mehr zu deuteln, denn nicht nur ich habe es erkannt, sondern auch viele andere aufmerksame Bürger. Frauen und Männer, rothaarige Schauspielerinnen der 68er Generation, Moderatorinnen mit Steuerzahlungsproblemen, Historiker mit Zuhörschwäche, Journalisten der dpa. Und Johannes Kraut alias Johannes B. Kerner, bekannt durch seine moralinsaure Quasselsendung , weiß am allermeisten, wer wie ist und wer wie sein sollte. Doppelzüngig und sich selbst widersprechend morderiert und massakriert dieser blonde Schwiegermutterliebling nun schon einige Jahre eine mir unverständlicherweise beliebte „Talg Schau“ (ja, es trieft nur so vor talgigen Aussagen dort).
Gib mir einen Satz und ich sage Dir, wer Du bist. Nun – im Falle Kerner – musste der Kaffeesatz aus einem doppelten Expressivo von mir gelesen werden, damit sich mir die Wesensart des Todschwätzers wahrhaftig offenbart hat: Wie war das noch? Die Frau Kerner hütet das traute Heim und 3 Kinder. Dazu wollte er sich nicht äußern, der Schlingel, und hat sich schließlich doch nicht zurückhalten können: Kaum dass er weitere 10 Minuten in Eva Germania Herman insistierte zu gestehen (Sei geständig, Weib!), fiel ihm plötzlich ein, dass die Frau von heute nicht gerne auf Heim und Herd beschränkt werden wolle (für Kommunikationswissenschaftler einzusehen in der ZDF Mediathek). Herr Kraut spricht wie die Worte gerade (ge)fallen.
So ist das in Deutschland: Bevor wir uns mit unserer Geschichte der letzten 100 Jahre auseinandersetzen, werfen wir lieber alle Begrifflichkeiten in einen Topf (Konservativismus, Faschismus, Nationalsozialismus, Werte, Kommunismus, Feminismus), rühren einmal um und fertig ist das Nazi-Stasi-Höllengebräu. Das können dann die auslöffeln, die sich durchs Zitieren ihres Wortsalates haben erwischen lassen. Und wir haben erst mal wieder ein paar Wochen Ruhe – bis zur nächsten Hexenhatz.
Kategorien: Kritik : Kritik
Die Autoren des Das Magazin verstehen es, das alljährliche Sommerloch auf das Köstlichste zu füllen: Sie besuchen die komischen Orte dieser Welt um darüber zu berichten, was alles (un)möglich ist.
Der Leser der Sommerausgabe Juli-August 2007 darf in das unbekannte Nordkorea reisen und sich dort auf eine Rundfahrt der besonderen Art begeben: In „Pjöngjang mit Vollpension“ steht unter anderem ein Besuch des Freundschaftsmuseums (es sind es sogar gleich 2 Museen) in den Myohang-Bergen an. Dort erfreuen besondere Gaben, die Kim Il Sung von Kollegen aus aller Welt erhalten hat, das Auge des Besuchers. Neben allerlei Nützlichem (wie Eisenbahnwaggons von Mao Tse-Tung oder eine silberne Kalaschnikow von Fidel Castro) gibt es auch kleine, feine Dinge: Hervorzuheben sind hier ein Aschenbecher, den Madeleine Albright dem Staatsführer schenkte, ein Kugelschreiber von Jimmy Carter und – man lese und staune – eine Broschüre „Gesund in die Sauna“, die ein finnischer Firmenvertreter als würdiges Mitbringsel überbrachte.
Von der nördlichen Halbkugel geht es weiter in die südlichste Region der Erde. Wer hier Sonne und Palmen erwartet, hat sich getäuscht: In der Antarktis gibt es nur Eis, Einsamkeit und absolute Helligkeit oder ewige Dunkelheit. Dieser sehr unwirtliche Teil unseres Planeten wird – neben Pinguinen – deswegen auch nur von Forschern aus aller Herren Länder regelmäßig aufgesucht. Die laufen zuweilen – ob der extremen Verhältnisse dort unten – „Amok im Schnee“ oder werden von den nicht minder gefährlichen „Whiteouts“ heimgesucht: Himmel und Eisoberfläche verschmelzen zu einem Ganzen, der Raum löst sich auf und der Mensch wird völlig orientierungslos.
Schließlich führt der Weg des arg verfrorenen Lesers wieder zurück in wärmere Gefilde und er findet sich dort wieder, wo sich homosexuelle Schimpansen zu ihrem „Tierischen Vergnügen“ mit ihrem besten Stück (im erigierten Zustand!) heiße Gefechte liefern.
Wer noch nicht genug hat und weitere Welten möglichst bequem durchbummeln möchte, dem sei dieses Magazin (und auch die folgenden Magazine) wärmstens empfohlen.
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Heute gibt es einen anderen Beitrag aus der Welt der Blogs, den ich nur zu gern meiner geneigten Leserschaft ans Herz lege: Spezialpeggy schreibt über Tocotronic auf dem Berlinfestival, das/die sich am vergangenen Wochenende in Mitte-Wedding präsentierte/n. Dazu mein Kommentar in voller Länge:
Die Jugend ist nicht mehr das, was sie mal war. Auch ich war als Zeugin anwesend und konnte mit meinen eigenen Ohren kaum fassen, dass junges-hippes Partyvolk sich zu trommelfellüberfreundlicher Musik sanft in Wellen wiegte. Da gab es kein Gedrängel vor der Bühne, die Menge kam gänzlich ohne Deo aus und „Tanzen – was ist das?“ stand als große Denkblase über dem Grün in Berlins Mitte. Vielleicht waren die selbstdarstellernden Besucher auch mehr damit beschäftigt, an ihrer Außenwirkung zu feilen: Berlin ist Hauptstadt der cool-mutigen Modeverwirrten. Kein Fetzen ist zu abgetragen, zu verwaschen, zu grell, zu groß, klein oder ausgebeult, als das er nicht noch zur Unterstreichung der eigenen Individualität herhalten könnte. Die buntgescheckte Kleidung allein jedoch gereicht nicht, um seine ganz einzigartige Aura zu unterstreichen: Ein kühl-distanziertes Auftreten, demonstriert durch angedeutetes Wippen mit dem Fuß bei Konzerten, die wie Hintergrundmusik sind, rundet das kreative Image ab. Man klatscht verhalten und blickt ernst aber uninteressiert zu denen da auf die Bühne. „Das kann ich besser!“ ist das ureigene Credo, welches die eigene Erscheinung ganz und gar perfekt und vollkommen werden lässt. Schließlich gilt:
Ein Künstler ist,
der andre frisst.
Fazit: Da rockt jede noch so nervige S-Bahn- und Auf-der-Straße-musizier-ich-Band mehr als das, was sich mitten in Berlin Freiluftkonzert nennt – leider und schade ist das.
Kategorien: Auswärts · Kritik : Kritik
Ein Beitrag völlig anderer Art: Ulrich Mühe ist verstorben. Es ist mein erster Versuch, einen angemessenen Nachruf zu verfassen. Zugegebenermaßen fällt es mir schwer, passende Worte für einen Menschen zu finden, den ich persönlich nie gekannt habe. Aber es ist mir ein Bedürfnis Herrn Mühe, der zuletzt eine brillante Rolle in „Das Leben der Anderen“ gespielt hat, meine Bewunderung kundzutun. Bewunderung dafür, dass ihm mit der Darstellung des Hauptmanns Gerd Wieslers eine Brücke zur Geschichte Deutschlands gelungen ist, die der Geschichtsunterricht in unseren Schulen vermissen lässt.
Ulrich Mühe ist auf der Seite Deutschland aufgewachsen, die auf der anderen Seite dieses Landes gerne in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse, in 0 und 1 eingeteilt worden ist. Der Osten war Stasi für den Westen, in dem ich aufgewachsen bin. Grau war es dort im Osten, die Menschen haben sich nach Bananen gesehnt, um ein bisschen Farbe zu sehen, um ein bisschen Freiheit zu schmecken. Und jeder hat jeden verraten.
Wir im Westen waren da anders: Bei uns hat jeder Das Leben der Anderen so respektiert, akzeptiert, toleriert und genauso anerkannt, wie es eben gewesen ist. Wir haben mit dem Nationalsozialistischen Regime abgeschlossen, sobald die Amerikaner, Engländer und Franzosen uns unterstützt haben, den totalitären und menschenverachtenden Staat zu erkennen und abzulehnen. Bei uns war alles richtig und wir haben die Freiheit der Anderen wie unsere eigene „aktiv“ verteidigt.
Ulrich Mühe hat versucht, die Arroganz mit der wir uns, die wir selten selbst für unser Wohlsein und das Wohlsein der Anderen einstehen , umhüllen, ein Stück weit zu brechen. Ich wünsche mir, dass diese Metapher nicht nur als goldene Trophäe in unserer Erinnerung bleibt – auch und vor allem in dem Teil Deutschlands, der nicht Ort und Zeit des Filmes gewesen ist.
Kategorien: Kritik : Kritik