Ich bin eine Rolle. Herumrollen gehört zu meinem Leben: Es ist wie mit der Fruchtfliege im Limonadenglas, wie mit dem Autobus um halb 7 an der Haltestelle „Nordstation“, wie mit dem Stau auf der Stadtautobahn. Es rollt überall, und überall rollt es anders, obwohl doch alles aus denselben kleinsten Teilchen zusammengesetzt ist.
Wie gesagt, auch ich rolle. Zu hause anders als im Büro, mit Freunden anders als mit Kunden, als Tochter anders als eine Schwester als eine Mutter als eine Großmutter. Was mich (und andere humane Rollenspieler) angeht, ist mein und unser Herumrollen etwas Alltägliches, Normales, vielleicht sogar eine Art Überlebensstrategie, jede Rolle ein Schutzmantel gegen zuviel Verletzlichkeit und eine Orientierungshilfe im Chaos.
Wenn ich jedoch Theater spiele, obwohl ich kein Schauspieler bin, wenn ich verschiedene Personen in einem Körper bin, wenn verschiedene Seelen in mir wohnen, so spricht der Psychologe von dissoziativer Identitätsstörung (im Volksmund auch multiple Persönlichkeitsstörung genannt). Dann ist mein Kopf ein Tollhaus, dann bin „ich und die anderen„ und das verwirrt vor allem diejenigen, die aus der äußeren Welt kommen und mit meiner inneren Welt zu kommunizieren versuchen. Wenn ich also „me, myself & I“ bin, wenn ich Du, er, sie und wir wie Ihr bin, männlich, weiblich, metrosexuell, ein Kind, ein Teenager, ein Mitt-Vierziger und ein Greis, dann steht die Welt Kopf, und das Rollenspiel funktioniert nicht mehr kontrolliert, sondern findet spontan und fast willkürlich statt.
Ich bin meine Rollen. Und Herumrollen gehört zu unseren Leben: Es ist wie mit den Fruchtfliegen im Limonadenglas, wie mit den Autobussen um halb 7 an den Haltestellen „Nordstation“ und „Südstation“, wie mit den Staus auf der Landstraße stadteinwärts und der Stadtautobahn landauswärts. Es rollt überall, und überall rollt es anders, obwohl doch alles aus denselben kleinsten Teilchen zusammengesetzt ist.
Wie gesagt, auch wir rollen …
