Texstile Kundgaben

Beiträge vom November 2007

Geimpft

November 29, 2007 · Kommentar schreiben

Ich impfe Dich, damit Du immun bist gegen das unheilvolle Virus, das sich unsichtbar durch die Straßen unserer Stadt windet. Jeden Tag impfe ich, indem ich die Kanüle, fein wie ein blondes Mädchenhaar, auf den schmalen Glaskörper setze, prüfe, ob der hellblaue Stoff durch die Öffnung gedrückt wird, die Nadel setze und die Antikörper durch Deinen Blutkreislauf jage. Es geht kein Tag ins Land, an dem ich vergäße, dieses morgendliche Ritual, das es zwischen uns gibt, auszuführen. Würde ich nur einmal nicht aufstehen, um Dir die Schutzimpfung zu verabreichen, ich könnte es mir mein Leben lang nicht mehr verzeihen, wenn Dir etwas passierte. Wenn nämlich das lichte Blau Deinen Körper nicht mehr durchdränge, wärest Du schutzlos dem gräßlichem Wurm, der sich in unsere Herzen frisst und das Leben grau werden lässt, ausgeliefert. Er saugt sich fest, sobald er einen unblauen Flecken in uns entdeckt und wird sich ewig seinen schrecklichen Weg durch unsere Seele bahnen.

Deshalb mein Kind, schau mich an, sieh mir in die Augen, wenn der metallene Faden Deine Haut durchdringt und das Blau in Deinem Körper schwebt. Deshalb, mein Herzelieb, sei mir nicht böse, wenn ich Dich allzusehr umsorge, Dich mit meiner täglichen Impfung im Zaum halte, damit es Dir gut gehe und Du niemals ins das Nichts, das Dich dann immerwährend begleitete, fielest.

[Worte einer zu sehr liebenden Mutter, wahlweise innerer Monolog eines abhängigen Liebenden oder einfach nur der Text einer Person, die mal wieder geimpft werden musste und am Abend irgendwelche Satzideen gesponnen hat ...]

Kategorien: Humoreske

20/11 – 365×2 – SLP

November 20, 2007 · Kommentar schreiben

In der Welt der Nummern und Akronyme ist ein jedes mit gruppenspezifischer Symbolik derart behaftet, dass ein außenstehendes Individuum nicht nur den tieferen Sinn nicht zu verstehen vermag auch die Bedeutung ansich kann weniger bis gar nicht ergründet werden. Auch ist es mitunter so, dass bei dem Unwissenden das Gefühl entstehen kann, es handele sich bei dem vollkommen fremd erscheinenden Zusammenspiel aus Ziffern und Buchstaben um eine ausländische Sprache, derer er nicht mächtig ist.

Nun, in diesem Fall, ist es gut so und soll auch nicht für Jedermann verständlich sein. Aber der Eingeweihte wird die Formel in der Titelzeile lesen und verstehen. Und sich – davon gehe ich fest aus – überalles freuen.

Kategorien: Kundgabe · Lieblingstiltext · Saloniere

Das Wort zum Sonntag

November 11, 2007 · Kommentar schreiben

„Auch mit edlen Ideen kann man die Welt verwüsten.“
Jiddisches Sprichwort

Jedweder Versuch, Gutes in die Welt hinauszutragen, kann zunichte gemacht werden, indem die durchaus ehrenwerte Absicht sich als eine zerstörerische herausstellt. Erkennt und bereut der Unglückliche die verhängnisvolle Wirkung seiner Handlung (mag sie sich auch nur im Stadium einer Kopfgeburt, sprich Idee befinden), so versucht er die Folgen durch das Leisten einer Abbitte ungeschehen zu machen – oder er sucht, so er keinen anderen Ausweg sieht – die Rettung in der Selbstaufgabe.

So wie der Chemiker R. Herr R. baute kleinste Moleküle zu neuen Strukturen zusammen. Er spielte – so kann man sagen – mit dem winzigsten Baukasten der Welt und setzte die darin befindlichen Bauteile nach Herzenslust zusammen. Zufällig war er eines Tages auf eine neue energieerzeugende Verbindung gestossen, die umweltschonend und für jedermann nutzbar zu sein schien. Er meldete ein Patent an und verkaufte seine Erfindung einem großen Energiekonzern, der versprach, das neue Gut für alle Menschen gewinnbringend anzulegen.
Eines Tages wurde in den Nachrichten die schreckliche Meldung gebracht, dass eine ganz neue Art chemischer Kampfmittel im Bürgerkrieg im Staate S. aufgetaucht sei. Die Wirkung dieser unsichtbaren mJUh-Waffe sei so katastrophal, weil sie erst Stunden später einsetze und die betroffenen Personen von innen heraus lähme und schließlich zu einer betonartigen Maße werden ließe. Auch könne niemand wissen, ob er das Gift gerade einatme, da es vollkommen farb- und geruchlos sei. Als Herr R. die bösen Neuigkeiten vernahm, fuhr es ihm eiskalt durch die Glieder. Er suchte seine Aufzeichnungen zu den Molekül-Strukturen seiner „Erfindung“, fügte zwei Atome H und drei Atome O sowie ein Atom He hinzu, und wurde gewahr: Er hatte eine gefährliche – vielleicht die gefährlichste – Waffe auf dieser Erde erschaffen.
Herr R. wurde seiner Tage nicht mehr froh, zog sich von den Menschen und ihren Mitteilungen zurück und trank nur noch ein paar Tassen schwarzen Tees. So wurde er immer dünner, ein paar Wochen nur und er war nur noch ein Hauch und schließlich zerstob ein Luftzug die letzten Nebelfäden, die von Herrn R. übrig geblieben waren. Die Idee jedoch, edel im Anfang und zerstörerisch in der Wirkung, konnte nicht verschwunden gemacht werden und blieb der Welt bis zum bitteren Ende erhalten.

Kategorien: Film · Zitatberichte

Die Aufgabe

November 5, 2007 · Kommentar schreiben

Die Aufgabe eines Schreibenden ist, Buchstaben zu Worten zu ordnen und Worte in Sätze zu setzen. Zur Aufgabe ist der Schreibende dann gezwungen, wenn Buchstaben in Unordnung geraten, Worte sich nicht setzen lassen wollen und der Schreibende ganz und gar an der Satzbildung gehindert wird.
Manch eine Poesie ist allein durch die Aufgabe des Herzens des Schreibenden entstanden und die Kapitulation vor der Liebe konnte nur durch das Schreiben verhindert werden. Prosaisches andererseits entsteht gut und gerne durch das Aufgabeln von fremden Geschichten, die der Schreibende geschickt in einer vermeintlich eigenen Erzählung zusammenführt.
Nur eines darf dem Schreibenden niemals passieren: Seine Gabe, schreiben zu können, aufzugeben.

Kategorien: Lieblingstiltext · Wortspielchen

Zwischenspiel: Europäischer Ist-Zustand

November 2, 2007 · Kommentar schreiben

Heute betrachten wir europäische Orte, die über 2 Zeitzonen verteilt sind, unter der Prämisse, es handele sich um eine Person, die sich an 4 Orten gleichzeitig aufhält:
Bern (Schweiz, Einwohner 128.153, Stand April 2007): Ausdrücklich empfohlene Bar im Herzen der Altstadt.
Berlin (3.405.259 Einwohner, Stand November 2006): Rückendrücken wäre angesagt.
Istanbul (Türkei, Einwohner 10.034.830, Stand Januar 2006): Der Imam ruft, so dass und während Menschenmengen auf den Brücken stocken.
Tallinn (Estland, Einwohner 403.505, Stand Januar 2006): Rücklängs auf das Saunabrett gelegt.

Gemeinsamkeiten:
Tallinn – Berlin (alles im Osten gelegen, westseits gesehen)
Bärlin – Bärn (Bärenzwinger)
Bern – Istanbul (Geschäftstreibende, Handel)
Istanbul – Berlin (Dönerkultur)
Bern – Tallinn (Einwohnerzahl < 1.000,000)
Tallinn – Istanbul (Agglutinierender Sprachbau)

Buchstabenneurestkombination:
Berlin
Bern
Tallinn
Istanbul
tlnau – tunal, launt, antul, ultan, altun, luant …

Kategorien: Wortspielchen

Perfektion, oder versteckte s***e Anspie…

November 2, 2007 · Kommentar schreiben

Perfektion
Perforation
Erektion
Präfektur <> Präganglur
Perversion <> Prävention <> Pänehtrazion
Lektion <> Lecktion
Persistere
Präkerikularis
Pärilukaris

* 9 Zeilen, Lauteingebung (lauter, lauter): Üben, Üben, Üben

Kategorien: Humoreske · Wortspielchen